
Ich glaube an die unsterblichkeit des Theaters. Es ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiterzuspielen. Max Reinhardt
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1892 - 1903
19. November 1892: Das Haus am Schiffbauerdamm eröffnet als „Neues Theater“ mit Goethes IPHIGENIE AUF TAURIS. Es gilt als eines der prächtigsten Theatergebäude Berlins. 1893 findet hier die Uraufführung von Gerhart Hauptmanns DIE WEBER statt und schreibt Theatergeschichte. Von der Zensurbehörde verboten, erklärt der Verein „Freie Bühne“, Leitung Otto Brahm, die Aufführung zur „geschlossenen Vorstellung für Vereinsmitglieder“. Theaterdirektor Max Löwenfeld setzt sich sehr für die zeitgenössische Dramatik ein, so wird 1899 Frank Wedekinds Der KAMMERSÄNGER uraufgeführt.
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1903 - 1906
Regisseur und Direktor Max Reinhardt übernimmt das Theater. Der Einbau einer erstmals konstruierten Drehbühne ist eine Sensation. 1905 inszeniert er darauf seinen legendären SOMMERNACHTSTRAUM. Reinhardts berühmtes Schauspiel-Ensemble versammelt sich schon in diesem Haus.
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1906 - 1928
Das Haus wechselt seine Pächter wie seine Namen. Zunächst heißt es „Operettentheater“ und seit 1925 „Theater am Schiffbauerdamm“. 1925 fand die Uraufführung von Carl Zuckmayers DER FRÖHLICHE WEINBERG statt, die den Autor zum wichtigsten Vertreter des neuen deutschen “Volksstücks” machte.
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1928 - 1931
Ich wußte damals nicht, daß dieser Abend, die Premiere der DREIGROSCHENOPER, am 31. August 1928 als der größte Erfolg der zwanziger Jahre in die Theatergeschichte eingehen wird.
Ernst Josef Aufricht
Der junge Theaterdirektor Ernst Josef Aufricht eröffnet seine Direktion mit der Uraufführung der DREIGROSCHENOPER von Bertolt Brecht/Kurt Weill, Regie Erich Engel, Bühnenbild Caspar Neher, mit Harald Paulsen, Rosa Valetti, Roma Bahn, Kurt Gerron, Erich Ponto, Lotte Lenya. Das Haus erlebte in Aufrichts Direktionsjahren weitere bedeutende Uraufführungen: 1929 GIFTGAS ÜBER BERLIN von Peter Martin Lampel, PIONIERE IN INGOLSTADT von Marieluise Fleißer, Regie Brecht und 1931 ITALIENISCHE NACHT von Ödön von Horváth.
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1931 - 1944
Es gelingt zwar noch 1932 dem Theaterkollektiv „Truppe 1931“, geleitet von Gustav von Wangenheim, eine linke Polit-Komödie zu spielen und Adam Kuckhoff kann sein Stück über Homosexualität herausbringen, aber das bleiben Ausnahmen. Bis das Theater 1944 geschlossen wird - die Front rückt näher - wird populäre Unterhaltung mit Durchhalteparolen und Nazipropaganda gespielt. Erwähnenswert die Direktoren Fritz Wendel (1933-1936), der, zwar Mitglied der NSDAP, auch „nicht-linientreue“ Künstler wie Helmut Käutner und Ursula Herking engagiert, sowie Direktor Paul Verhoeven (1943-1944), der versucht, trotz der Zensur Format zu bewahren.
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1945 - 1946
Theater spielt ihr in Trümmern hier
Nun spielt in schönem Haus, nicht nur zum Zeitvertreibe
Aus euch und uns ersteh ein friedlich WIR
Damit dies Haus und manches andre stehen bleibe!
Bertolt Brecht
Wiedereröffnung des Theaters am 3. August 1945: Direktor Rudolf Platte inszeniert die satirische Revue HÖLLENPARADE von Horst Lommer – der erste Versuch eines Theaters, die unmittelbare Nazi-Vergangenheit aufzuarbeiten.
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1946 - 1954
Diejenigen, die die Behauptung vom unpolitischen Charakter der „wahren Kunst” aufstellen, verbreiten eine Legende. Kunst hängt immer mit der Politik zusammen.
Fritz Wisten
Der Schauspieler und Regisseur Fritz Wisten, von 1933 bis 1941 Regisseur, dann Leiter des Jüdischen Kulturbundes, knüpft an die beste Zeit des Vorkriegstheaters an. Es entsteht wieder ein Ensemble namhafter Schauspieler.
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1954 - 1971
Als wir einen Intendanten suchten, sagte Brecht: Das kannst du. Da habe ich gesagt: Na schön!
Helene Weigel
1949 gründen Bertolt Brecht und Helene Weigel das Berliner Ensemble. Zunächst wird im Deutschen Theater gespielt. Am 19. März 1954 zieht das Berliner Ensemble in das Theater am Schiffbauerdamm ein. Das „eigene“ Haus wird eröffnet mit Molières DON JUAN, Regie: Benno Besson. Brecht selbst inszeniert nur noch ein eigenes Stück: DER KAUKASISCHE KREIDEKREIS. Mitten in den Vorbereitungen zu LEBEN DES GALILEI mit Ernst Busch stirbt er am 14. August 1956. Nach Brechts Tod leitet Helene Weigel noch 15 Jahre lang das BE. – Durch die großen Gastspielerfolge von MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER in Paris 1954 und London 1956 findet das Ensemble endlich auch in Berlin allgemeine Anerkennung. Mit Inszenierungen wie DER AUFHALTSAME AUFSTIEG DES ARTURO UI (1959), Shakespeares CORIOLAN (1964) in der Bearbeitung von Brecht mit den sensationellen Schlachtszenen von Ruth Berghaus oder DIE MUTTER mit Helene Weigel werden europäische Maßstäbe gesetzt.
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1971 - 1977
Beliebigkeit kann ich nicht ausstehen, weder im Alltag noch in der Kunst. Kunst ist nie beliebig, immer entschieden und genau.
Ruth Berghaus
Gegen alle Anfeindungen: Die Regisseurin Ruth Berghaus wagt als Theaterdirektorin einen Neubeginn. Sie engagiert Heiner Müller und inszeniert 1973 die Uraufführung seines Stücks ZEMENT. Ein Jahr zuvor hatte sie Peter Hacks’ OMPHALE uraufgeführt. 1975 kommt es zum Skandal um FRÄULEIN JULIE von Strindberg, inszeniert von B.K. Tragelehn/Einar Schleef. Der Versuch, das BE zu erneuern, stößt auf massiven Widerstand, auch im eigenen Haus.
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1977 - 1991
Wissen schmälert nicht Genüsse, es erzeugt neue.
Manfred Wekwerth
Ehemals Regieassistent bei Brecht und später Regisseur am BE, übernimmt Manfred Wekwerth nach dem Rücktritt von Ruth Berghaus die Leitung des Theaters. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die Bewahrung Brechtscher Ideen. Wichtige Uraufführungen: 1979 GROSSER FRIEDEN, 1980 SIMPLEX DEUTSCH, 1988 LENINS TOD von Volker Braun, Regie Christoph Schroth, sowie JOCHEN SCHANOTTA (1985) und VILLA JUGEND (1991) von Georg Seidel.
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1992 - 1999
Ich habe keine Zeit, ein Stück zu schreiben. Weil ich einer der Direktoren des Berliner Ensembles bin.
Heiner Müller
Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wird das BE vom Staatstheater der DDR in ein Privattheater (gemeinnützige GmbH) umgewandelt. Es erhält eine fünfköpfige Leitung, die aus den Regisseuren Matthias Langhoff, Fritz Marquardt, Peter Palitzsch, Peter Zadek und dem Schriftsteller Heiner Müller besteht. Doch diese Direktion zerfällt bald. Nach drei Jahren bleibt allein Heiner Müller übrig. Nach seinem Tod 1995 übernimmt der Schauspieler Martin Wuttke die Direktion, ein Jahr später folgt Stephan Suschke. Heiner Müllers Inszenierung ARTURO UI (1995) mit Martin Wuttke wird, wie die Aufführung mit Ekkehard Schall 1959, ein Welterfolg. Sie steht nach wie vor auf dem Spielplan.
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Seit 1999
Das ists, seht, weit stehen meine Türen
wie eure Augen allen Fragen offen stehn
oh ja ich altes Haus und meine neuen Geister hoffen
daß uns die Fragen und die Zeiten nie ausgehn.
Thomas Brasch
Neubeginn am BERLINER ENSEMBLE – Claus Peymann wird Intendant. Umbau des Hauses: Eine große, neue Probebühne wird gebaut, die „alte Probebühne“, der „Pavillon“ und das „Gartenhaus“ werden zusätzliche Spielstätten, Direktion, Dramaturgie und Presse und die Geschäftsführung ziehen ins ausgebaute Dachgeschoß des Theaters. 8. Januar 2000: Zur Wiedereröffnung des Hauses schreibt der Dramatiker Thomas Brasch einen Prolog. Die erste Premiere der Direktion ist die Uraufführung von George Taboris DIE BRECHT-AKTE. Der Autor inszeniert selbst.
Der Spielplan des BE ist der deutschen Aufklärung verpflichtet und geht von der Forderung der deutschen Klassiker aus, das Theater sei eine „moralische Anstalt“. Das heißt: Theater – und die Kunst im Allgemeinen – hat zum Ziel: Empathie mit den Schwachen und Demaskierung der Mächtigen. In diesem Sinne versteht sich das BE als politisches Theater und die Theaterarbeit folgt nicht modischen Trends, sondern orientiert sich an der Dichtung. Die Dramen werden in ihrer ganzen Vielfalt gezeigt, die großen Geschichten und die Schauspieler sind die Orientierungspunkte.
Neben Peymann und Tabori inszenieren Luc Bondy, Andrea Breth, Achim Freyer, Leander Haußmann, Manfred Karge, Günter Krämer, Thomas Langhoff, Peter Stein, Philip Tiedemann, Peter Zadek – und immer wieder Robert Wilson.
Ein Schwerpunkt der neuen Direktion ist die zeitgenössische deutschsprachige Literatur: Thomas Bernhard, Peter Handke, Christoph Hein, Rolf Hochhuth, Elfriede Jelinek, Franz Xaver Kroetz, Heiner Müller, Tom Peuckert, Christoph Ransmayr, Einar Schleef, Botho Strauß, Peter Turrini, Christa Wolf bis zu George Tabori mit seinen Stücken und Inszenierungen.
Das Brecht-Fest zum 50. Todestag von Bertolt Brecht 2006 bewies mit seinem überwältigenden Publikumserfolg, daß Brechts Werk – allen Schmähungen zum Trotz – lebt. Heiner Müllers legendäre Inszenierung von DER AUFHALTSAME AUFSTIEG DES ARTURO UI wird bis heute am BE gespielt. Mit Robert Wilsons Inszenierung der DREIGROSCHENOPER, mit TROMMELN IN DER NACHT und DIE KLEINBÜRGERHOCHZEIT (Regie: Philip Tiedemann), mit SCHWEYK IM ZWEITEN WEILTKRIEG, FURCHT UND ELEND DES DRITTEN REICHES und DER KAUKASISCHE KREIDEKREIS (Regie von Manfred Karge), DIE ANTIGONE DES SOPHOKLES (Regie George Tabori) und IM DICKICHT DER STÄDTE (Regie: Katharina Thalbach) kamen weitere Stücke Brechts zur Aufführung. Claus Peymann beschäftigt sich in den letzen Jahren verstärkt mit dem politischen Werk Brechts: DIE MUTTER, DIE HEILIGE JOHANNA DER SCHLACHTHÖFE, MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER.
Das Repertoire des BE ist weit gefasst und voller Kontraste. Bis zu 15 verschiedene Inszenierungen werden jeden Monat allein im Haupthaus des BE angeboten. Hinzu kommen unterschiedlichste Inszenierungen, Lesungen und Liederabende in den drei anderen Spielstätten.
Das klassische deutsche Repertoire reicht von den Stücken Goethes, Kleists und Schillers – ein Höhepunkt war zweifelsohne die 10-stündige WALLENSTEIN-Inszenierung von Peter Stein, die im Sommer 2007 in der ehemaligen Kindl-Brauerei in Neukölln gespielt wurde – bis zu den Stücken Gotthold Ephraim Lessings (NATHAN DER WEISE, DIE JUDEN, PHILOTAS und MISS SARA SAMPSON) und Büchners (LEONCE UND LENA und DANTON’S TOD).
Neben der deutschen Klassik und der klassischen Moderne (mit Aufführungen von Ibsen, Wedekind, Hofmannsthal, Strindberg, Beckett, Lorca, Frisch, Tschechow, Gorki und Williams) ist der Kosmos der dramatischen Welt William Shakespeares ein weiteres Zentrum der Theaterarbeit.
Ein Indiz für den großen Erfolg des heutigen BE sind nicht nur die Gastspiele in aller Welt, sondern auch die für das deutschsprachige Theater einzigartige Vorstellungszahl vieler unserer Inszenierungen, die mit großer Sorgfalt und viel Engagement über Jahre gepflegt und lebendig gehalten werden: Brechts AUFHALTSAMER AUFSTIEG DES ARTURO UI (bisher fast 400 Vorstellungen), BIEDERMANN UND DIE BRANDSTIFTER (bisher fast 250 Vorstellungen), NATHAN DER WEISE (bisher fast 200 Vorstellungen), DIE DREIGROSCHENOPER (bisher ca. 180 Vorstellungen), LEONCE UND LENA (bisher über 150 Vorstellungen), RICHARD II. (bisher ca. 150 Vorstellungen), DER ZERBROCHNE KRUG (bisher ca. 140 Vorstellungen), MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER (bisher ca. 130 Vorstellungen) und DIE KLEINBÜRGERHOCHZEIT (bisher ca. 125 Vorstellungen).
Fester Bestandteil der Theaterarbeit des BE ist auch das ständige Gespräch und die Auseinandersetzung mit dem Publikum, oft nach der Vorstellung im Foyer.
Eckturm des Neuen Theaters
Max Reinhard um 1904
Szene aus der FRÖHLICHE WEINBERG
Szene aus der DREIGROSCHENOPER
mit Kurt Gerron, Roma Bahn, Harald
Paulsen und Erich Ponton
Szene aus PIONIERE IN INGOLSTADT
Fritz Wisten in DIE WILDENTE
von Ibsen (1934)
Helene Weigel und Bertolt Brecht auf der
1. Mai-Kundgebung 1951
Ruth Berghaus bei den Proben zu
OMPHALE von Peter Hacks
Szene aus großer Frieden von Volker
Braun, 1979
Heiner Müller
Manfred Weckwerth mit Gisela May bei
Proben zu MUTTER COURAGE, 1978
Claus Peymann
